Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Oct 20th, 2008 | By Martin Michel | Category: Gedankendialog | Trackback URLAmerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dieser Spruch ist fast so alt wie die Vereinigten Staaten selbst, irgendwie abgedroschen. Und auch sonst ist das US-Image in der Welt nicht das beste. Eine globale PR-Kampagne würde der Nation sicher nicht schaden. Doch eigentlich sind die Staaten viel besser als ihr Ruf: Es ist schon erstaunlich, was die einstigen Siedler und ihre Nachfahren dort im Lauf der verhältnismäßig kurzen US-Geschichte auf die Beine gestellt haben. Davon hat mich mein diesjähriger Urlaub einmal mehr überzeugt.
Gigantismus und große Gesten
Chicago, Cleveland, Pittsburgh, Washington und New York: Das waren nur einige Stationen meiner knapp dreiwöchigen Reise. Nach solch einem Roadtrip werden die eigenen (in Wissenschaftsdeutsch gern eurozentristisch genannten) Maßstäbe ganz automatisch in ein völlig neues Licht gerückt.
Mainhattan? Sicher: Im Vergleich zu Bielefeld und Freiburg ist die Frankfurter Skyline beeindruckend. Hilfsbereitschaft? Mit Ausnahme von Sankt Martin hinken die Deutschen meilenweit hinterher: Oder hat Sie auf deutschen Bürgersteigen (die Straßenkarte in der Hand) schon mal jemand gefragt, ob er Ihnen zeigen darf, wo es hingeht? Dasselbe in puncto Service: Mich hat an der REWE-Kasse noch niemand gefragt, ob ich alles gefunden habe, ob alles zu meiner Zufriedenheit war. Und meine kleine Panne schließlich wurde gleich beim ersten Anlauf von einem freundlichen Autokenner mit einem Lächeln beäugt und sofort behoben – ohne Entlohnung oder genervten Gesichtsausdruck!
Amerikanisches Savoir-vivre
Kurzum: US-Amerikaner mögen in Europa nicht den besten Ruf haben. Politiker und Herren wie Michael Moore, der seine Landsleute zuweilen gern als etwas dämlich hinstellt, sind daran sicher nicht ganz unschuldig. Wer aber selbst einmal dort war, wird mit Sicherheit eines Besseren belehrt. Denn die Mentalität eines Landes verbirgt sich im Alltäglichen – nicht in Hollywood und auch nicht im Weißen Haus.
Von Finanzkrise auf den Straßen übrigens keine Spur. Die Weltwirtschaft mag in den größten Turbulenzen seit den 1930er Jahren stecken, die Konjunktur vor dem Abgrund stehen: Im Festzelt an der Wall Street wurde des Abends fröhlich Livemusik gespielt. Unverkennbar die Parallelen zur ‘White Star Line Band’, die 1912 mit der Titanic unterging. Arroganz? Vielleicht. Oder einfach eine andere Einstellung zum Leben – amerikanisches Savoir-vivre. In jedem Fall eine neue Erfahrung.
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