Quittners Visionen: die Geburt eines neuen Journalismus

May 21st, 2010 | By | Category: Branchenreport | Trackback URL

15 Jahre ist es her, dass der amerikanische Journalist und Hochschuldozent Joshua Quittner mit knapp 7.000 Zeichen seine Ideen von einem ‘way new journalism’ beschrieb. Was damals wie ein tiefer Blick in die onlinejournalistische Glaskugel ausgesehen haben muss, liest sich heute wie ein visionäres Manifest. Viele bedeutende Entwicklungen der letzten Jahre – vom Podcast bis zum Blog – werden bereits in Quittners Essay von 1995 als wichtige Werkzeuge des künftigen, ‘grundsätzlich neuen Journalismus’ vorausgesagt.

Was muss man anders machen als bisher?
Für das ‘neue Medium Internet’ schlägt der Autor fünf innovative Elemente und Stilmittel vor, die die informative Textarbeit auffrischen könnten. Quittner beschreibt zum Beispiel ‘the element of surprise’. Hinter dieser Idee verbergen sich Bilder und attraktive Kurztexte (Teaser), die die Neugier des Lesers wecken und schnell zum Klick auf den eigentlichen Text animieren sollen. Heute gehört dieses Stilmittel (besonders Teaser) zum Standard eines jeden Onlinejournals.

Aufgeführt wird auch ‘sudden narrative’. Das zentrale Argument dabei: ‘Das Lesen am Bildschirm nervt.’ Artikel sollten deswegen etwa in Bildschirmlänge, bzw. kurz und bündig mit rund 250 Wörtern geschrieben werden. Dadurch vermeidet man beim Leser einen ‘information overload’. Die Forderung nach kurzen Texten wird heute noch nicht durchweg konsequent erfüllt. Aber der Unterschied zum klassischen Journalismus ist im Web bei Textlänge und Textgestaltung natürlich deutlich auszumachen.

Mitspracherecht und Informationsangebote für den Leser
Drittens nennt Quittner ‘voice’ als Mittel. Gemeint ist hiermit in erster Linie die Mitsprache der Leser. Durch die Möglichkeit, den Journalisten direkt per E-Mail anzuschreiben oder zu kritisieren, wird das Verhältnis zwischen dem Leser und dem Autor vertrauter. Diese Möglichkeit ist heute bei den Onlinenachrichtenportalen der Regelfall. Noch verbindlicher ist dieser Punkt bei Blogs umgesetzt. Durch die Kommentarfunktion ist Dialog auf Augenhöhe möglich.

‘Hypertext links’ als Regel vier: Joshua Quittner meint damit die Verknüpfung unterschiedlicher Texte als Service für den Leser. Dies sollte durch die Markierung bestimmter Kennwörter im Text durch Links passieren. Der Leser kann so schnell und direkt tiefer in eine Thematik eintauchen oder ähnliche Themen zum gleichen Schlüsselwort abrufen. Genau in dieser Art und Weise werden Hyperlinks heute in der Textarbeit verwendet.

Wie sieht es letztendlich mit dem Stilmittel ‘instant reaction’ aus? Gemeint ist die Verlinkung des Artikels mit einem passenden ‘Usenet-Kanal’ oder Internet-Relay-Chat (IRC). Hier können Leser direkt untereinander oder auch mit dem Autor über das Artikelthema diskutieren. Sowohl IRC als auch Usenet sind heute natürlich veraltete Technologien. Diskussionen finden aber bei Onlinemagazinen mit neuen Systemen in eigenen Foren statt. Der Chatkanal zum Artikel ist bislang unüblich. Bei diesem Thema sind die Blogs aber auch wieder einen Schritt weiter. Die Kommentarfunktion der Systeme erlaubt schließlich – wenn schon nicht in Echtzeit wie beim Chat – eine zeitnahe Diskussion zwischen den Lesern und dem Autor.

Reise ins Ungewisse
‘Wir haben nur eine kleine Homepage und unendlich viel Platz. Wie werden wir den füllen? Was wird funktionieren? Wird überhaupt irgendetwas funktionieren?’ fragt Josh Quittner beschwörerisch, als er zum Ende seines Artikels ein Journalismus-Projekt der Columbia Universität beschreibt. Mit Studenten der renommierten Hochschule wollte er dabei seine Thesen belegen. ‘I’ll let you know when we find an answer’, versichert der Pionier dem Leser. 15 Jahre später ist dieser Nebel der Ungewissheit weitgehend verflogen.


Related articles:

Tags: , , ,

Leave Comment