Gegengelesen: PR im Musikbusiness oder ‘It’s a long way to the top…’

Mar 18th, 2010 | By | Category: Gedankendialog | Trackback URL

Normalerweise beschäftige ich mich in ‘Gegengelesen’ mit Artikeln aus der Fach- und Tagespresse zu den Themen PR, Marketing und Journalismus. In der Regel geht es da um aktuelle Dinge, wie den Einsatz von Social-Media-Tools in Unternehmen oder den ‘Niedergang des Journalismus’. Interessante Sujets findet man aber auch neben dem Zeitungsständer. Oeckls PR-Theorien lassen wir in diesem Fall im (virtuellen) Buchregal liegen und greifen zu vermeintlich aufregenderem Lesestoff. ‘Bumping into Geniuses’ heißt das autobiographische Werk von PR- und Musik-Manager Danny Goldberg, das in Deutschland unter dem Titel ‘Unter Genies: mein Leben im Rock-’n'-Roll-Geschäft’ erschienen ist. Um das Namedropping vorwegzunehmen: Die 70er-Jahre-Rockikonen Led Zeppelin gehörten genauso zu Goldbergs Klienten wie KISS oder Nirvana. Ein interessanter Blick hinter die Kulissen des Musikgeschäftes scheint also garantiert.

Ein hervorragendes Studium, beste Kontakte und das gewisse Quäntchen Dreistigkeit – all das benötigte Danny Goldberg nicht, um vom Musikjournalisten zum Chef einer der weltweit größten Plattenfirmen aufzusteigen. Im Gegenteil: Es war purer Zufall, die den Schulabsolventen und Musikfan auf die Stellenanzeige des damals unbekannten Journals ‘Billboard’ (richtig, genau das Magazin, nach dem die heute relevanten ‘Billboard-Charts’ benannt wurden) stoßen ließ. Der vermeintlich langweilige Übergangsjob entwickelte sich schnell zum Beruf, der den jungen Journalisten zum Berichterstatter des legendären Woodstockfestivals und später zum PR-Mann der Rockband Led Zeppelin machte. Zwischen den Zeilen der Anekdoten über die Pionierzeit der Rockmusik findet eine explizite Dekonstruktion des Mythos ‘Rockstar’ statt. Die Bühnengötter erscheinen allzu irdisch, wenn es um Neid und Ego geht. Auf der anderen Seite wiederum haben Plant, Simmons oder Cobain ein Charisma, das sie überirdisch erscheinen lässt. Es gibt ihn also und doch gibt es ihn nicht wirklich, den mythischen Rockstar. Dabei schwingt immer im Hintergrund mit: PR hilft bei der Bildung von Images, sie kreiert jedoch keine.

Interessant ist wohl auch die Tatsache, dass selbst der Öffentlichkeitsarbeiter für echte Berühmtheiten mit den täglichen Sorgen eines jeden Selbstständigen zu kämpfen hat. Nach dem Journalistenjob kommen mit der Unabhängigkeit durch eine eigene Agentur auch für Goldberg Durststrecken durch Auftragsmangel die es zu überbrücken gilt. Und auch loyale Mitarbeiter, müssen in solchen Phasen gehalten werden. Der umtriebige PR-Mann ist dabei ständig auf der Suche nach dem Genie, das zum großen Erfolg führt. ‘The way to get rich is to keep walking around until you bump into a genius’, zitiert Goldberg seinen Mentor, den Atlantic-Records-Gründer Ahmet Ertegün. Der charismatische, türkischstämmige Produzent dürfte Kinogängern als Filmcharakter aus dem oscarprämierten Musikepos ‘RAY!’ bekannt sein. Ertegün selbst – im Film dargestellt als sympathischer, glatzköpfiger Musiknarr – nahm die Soullegende Ray Charles unter Vertrag und ist im Buch auch bei der Episode um Led Zeppelin immer präsent. Zwischendurch gründet Goldberg kleine Agenturen, bringt alternde Stars durch clevere PR Grammynominierungen oder unterstützt Non-Profit-Organisationen wie die amerikanische Antiatomkraftbewegung.

Es soll aber die erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit für die britische Band um Robert Plant und Jimmy Page sein, die im Laufe der Jahre für Goldberg die wichtigste Referenz und die Eintrittskarte zum lukrativen Musikmanagement für vielversprechende Künstler wird – darunter etwa KISS oder die Indie-Band Sonic Youth. Sein Genie entdeckt Goldberg schließlich Anfang der 90er in Kurt Cobain und seiner Gruppe Nirvana. Die ebenso erfolgreiche wie tragische Geschichte der Grungeband spickt Goldberg mit einigen interessanten Anekdoten. So kommt der PR-Manager immer wieder im jetzigen Musikmanagement durch, wenn der Klient so gar nicht bedenkt, welche Wirkung unbedachtes Handeln gegenüber der Presse haben kann. Krisenmanagement heißt da glühende Drähte, warme, freundschaftliche Worte an die Journalisten und das Versprechen der Bevorzugung bei exklusiven Storys. Das Drama um das Ende des Nirvana-Frontmannes wiederum beschreibt Goldberg eher aus Sicht des Freundes, denn des Managers. Überhaupt schreibt der Autor sehr menschlich und mit wenig Kalkül von seinen Schützlingen. Ohne die Distanz zu verlieren, schafft er es immer wieder, Empathie zu erzeugen.

Wie aus dem PR-Referenten von Led Zeppelin und dem Musikmanager von Nirvana und KISS schließlich der Geschäftsführer von Mercury Records (interessante Episode: Vertragsverhandlungen mit der deutschen Gruppe ‘Scorpions’), Atlantic und Warner Bros. wird und warum der Weg letztendlich doch wieder zur Selbstständigkeit mit der eigenen Agentur Gold Village Entertainment führt, sollten interessierte Leser nun selbst herausfinden. Als Fazit bleibt zu sagen, dass im Musikgeschäft auch nur mit Wasser gekocht wird, aber es sprudelt dafür ein wenig lauter…


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4 comments
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  1. Hallo Herr Stephen,
    ich bin aus Zufall auf Ihren Bericht gestoßen, weil ich gerade nach einem Geburtstagsgeschenk für einen Gitarre spielenden Freund gesucht habe. Mir hat hat Ihre Buchkritik sehr gut gefallen und ich weiß nun was ich als Geschenk kaufe. Ich glaube nur ich werde es vorher selbst lesen. Vielleicht kann das Buch auch mir – keine Gitarrenspielerin – einige Impulse geben. Danke und viele Grüße aus Kaufbeuren, Sabine

  2. Interessanter Artikel!

    da ich neben meiner PR-Arbeit selber leidenschaftlicher Musiker bin klingt ihr Review für mich sehr spannend. Haben Sie die englische oder deutsche Version gelesen? Übersetzungen sind ja manchml weniger gelungen.

    mfg
    Danny

  3. @Danny

    Danke für das Feedback. Ich hatte die englische Originalausgabe gelesen. Sie haben Recht, dass Übersetzungen häufig dem Original nicht gerecht werden. Ich habe aber in diesem Fall an anderer Stelle irgendwo gelesen, dass auch die deutsche Fassung sehr gelungen sein soll.

    Wenn Sie sich für das Buch entscheiden viel Spaß beim Lesen!

  4. Hallo Sabine,

    wenn Ihr Bekannter ein Musikfan ist, ist das Buch bestimmt eine gute Wahl. Das Thema Gitarre allerdings wird nicht so explizit besprochen. Die Passagen um den Led Zeppelin Gitarristen Jimmy Page sind aber sehr spannend. Und der gilt ja unter Saitenkünstlern wie Jimi Hendrix zu den großen Pionieren und Vorbildern. In diesem Zusammenhang ist auch der Film ‘It might get loud’ zu empfehlen. Die Doku ist gerade auf DVD erschienen und dreht sich um Jimmy Page, The Edge (U2) und Jack White (The White Stripes).

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