Grammatik oder ‘Die Kunst des Lesens und Schreibens’: Eselsbrücke

Jun 24th, 2010 | By | Category: Gedankendialog | Trackback URL

Das Grautier ist im Allgemeinen ja als recht sturer Zeitgenosse verschrien, dem man hin und wieder eine Brücke bauen muss, damit er den Bach – und sei er auch noch so seicht – trockenen Hufes überqueren kann. Laut Wikipedia liegt das darin begründet, dass es aufgrund des spiegelnden Wassers nicht erkennen kann, wie tief der Fluss ist. Mit dem menschlichen Gehirn verhält es sich ähnlich: ‘Im Alltag gibt es immer wieder merk-würdige Informationen, deren Details keinen sachlogischen Zusammenhang haben bzw. deren Logik wir nicht verstehen.’ Und grade weil wir den Zusammenhang nicht verstehen, weigert sich unser Hirn, den Fluss zu durchqueren … bildlich gesprochen, versteht sich!

Erst neulich wurde im Büro der Ruf nach eben einer solchen Brücke laut. Der reißende Bach zu unseren Füßen war das Fugen-s: ‘Wann braucht’s ein Bindungs-s in einem Wort aus zwei Nomen (z.B. Interessen(s)gebiete)?’ Gewissenhafte Recherche brachte die Ernüchterung: ‘Eindeutige und unverrückbare Regeln für den Gebrauch des Fugen-s gibt es nicht. Zu groß ist die Zahl der Ausnahmen und Fälle mit schwankendem Gebrauch.’ Na, herzlichen Glückwunsch. Aber wenn wir schon keine Brücke zustande bringen, liefert uns der Zwiebelfisch doch zumindest ein paar Steine, um vom einen Ufer zum anderen zu gelangen:

Fugen-s steht 

  • bei Zusammensetzungen mit Wörtern auf -tum, -ling, -ion, -tät, -heit, -keit,  -schaft, -sicht, -ung 
    Altertumsforschung, Frühlingserwachen
  • bei Zusammensetzungen, deren erster Bestandteil auf -en endet 
    Essensreste, Lebensfreude

Fugen-s steht nicht

  • bei Zusammensetzungen, deren erster Bestandteil weiblich ist und nicht auf -ion, -tät, -heit, -keit, -schaft, -sicht, -ung oder einen Zischlaut endet
    Weltkugel, Nachtzug
  • bei Zusammensetzungen, deren erster Bestandteil auf -er endet
    Anglerlatein, Bäckermütze
  • bei Zusammensetzungen, deren erster Bestandteil auf -el endet
    Hagelschauer, Hebelgesetz
  • bei Zusammensetzungen, deren erster Bestandteil auf -en endet und kein substantiviertes Verb ist
    Bodensatz, Ebenbild
  • bei Zusammensetzungen, deren erster Bestandteil mit einem Zischlaut endet (-sch, -s, -ss, -ß, -st, -tz, -z)
    Waschsalon, Preisliste

Schwankender Gebrauch des Fugen-s 

  • bei Zusammensetzungen mit -steuer, -straße 
    Vermögen[s]steuer, Bahnhof[s]straße
  • bei Zusammensetzungen mit einem Partizip als zweitem Bestandteil 
    verfassung[s]gebend, richtung[s]weisend

Und wie sollte es am Ufer des reißenden Flusses mit Namen ‘Deutsche Grammatik’ auch anders sein? Es gibt einen ganzen Schwung Ausnahmen, unter ihnen unser wertes vierbeiniges Grautier.

Nun denn, mutig voran! Und wenn weit und breit weder Furt noch Brücke zu sehen ist, sind Duden und Wahrig Felsen in der Brandung!
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